Einleitung
Im Rahmen meiner Abschlussarbeit habe ich am 30. September 2025 mit dem Medienberater Günter Lindinger ein Interview geführt. Er coacht Fernseh- und Radiosender in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol. Zu dem berät er Großunternehmen und Bundesbehörden zu dem Thema strategische Kommunikation. Im Interview wird hauptsächlich die Zukunft des Fernsehens beleuchtet.
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Transkript
Anna Nicklaser
Wie muss man sich die Arbeit als Medienberater vorstellen oder was machen Sie so in Ihrer Arbeit?
Günther Lindinger
Medienberatung heißt im Endeffekt folgendes: Beratung von Radio- und Fernsehsendern, aber auch von Unternehmen im Kommunikationsbereich. Wenn wir einen Radiosender nehmen, dann betrifft es meistens einfach die strategische Ausrichtung. Das heißt, welche Inhalte und welchen Content spiele ich, wie moderiere ich. Die Beratung betrifft dann zum Beispiel auch das Coaching von Mitarbeitern, von Moderatoren. Oder ein anderes Beispiel: Wenn ich für ein Unternehmen im Kommunikationsbereich arbeite, dann geht es zum Beispiel auch um Krisenkommunikation, wenn es Anfragen gibt und so weiter.
Anna Nicklaser
Und wie lange machen Sie das schon?
Günther Lindinger
In dem Bereich, in dem ich als Berater unterwegs bin, mache ich das jetzt schon seit 30 Jahren.
Anna Nicklaser
In den letzten Jahren entstanden immer mehr Streaming- und Video-on-Demand-Plattformen. Warum glauben Sie, ist dieses Angebot so erfolgreich geworden?
Günther Lindinger
Na ja, der Erfolg dürfte wahrscheinlich darin liegen, dass sie sich an den Interessen des Users ausrichten und die sind im Endeffekt unabhängig, zeitunabhängig. Der User muss nicht schauen, ob um 20:15 Uhr in ORF 1 oder auf ATV oder sonst wo irgendwas läuft, wenn er es versäumt hat, hat er vor 10 Jahren auch versäumt, vielleicht das auf seinem Recorder zu programmieren. Er ist sein eigener Programmdirektor. Das ist aus meiner Sicht ein Hauptpunkt und was natürlich dazu kommt, wenn man sich sowas anschaut wie Netflix, die Auswahl ist natürlich im wahrsten Sinne des Wortes uferlos. Du hast alle Interessen abgedeckt. Es ist kaum was dabei, was nicht irgendwie irgendwas für irgendjemanden sein könnte.
Anna Nicklaser
Hat sich Ihrer Meinung nach dadurch das Zuschauerverhalten des linearen Fernsehens verändert, also dadurch, dass immer mehr Leute Video-on-Demand-Plattformen verwenden?
Günther Lindinger
Das hat sich total verändert in den letzten Jahren und ich spüre das immer dramatischer. Jetzt bin ich ja nicht 20 Jahre alt, sondern ein bisschen älter - und mach es auch. Also, wenn ich zu Hause mit meiner Frau schaue, dann schaue ich eher irgendwas bei Netflix an. Ich selber schaue mir gern mal alte Krimis an, die suche ich dann bei YouTube. Ich kann das machen, wann ich will. Man muss es gar nicht auf dem großen Monitor tun. Jeder von uns kennt es, das Smartphone tut es am Ende des Tages auch.
Anna Nicklaser
Also, denken Sie, dass immer weniger Leute dadurch das lineare Fernsehen verwenden oder bleibt es trotzdem noch da?
Günther Lindinger
Das lineare Fernsehen wird sicher Bestand haben, aber der Umfang wird nicht mehr so groß sein. Es gibt in der Kommunikationswissenschaft ein Gesetz, das heißt das Riebelsche Gesetz, R. I. E. P. L.-sche Gesetz von 1914. Das besagt im Wesentlichen folgendes: Jedes Medium, das mal erfunden ist oder das es mal gab, wird weiterbestehen. Nur es wird nicht mehr diese Bedeutung haben, wie Fernsehen vor 30 Jahren, wo am Samstagabend 30 Millionen Menschen in Deutschland sich irgendeine Spielshow angeschaut haben und am Montag darüber geredet haben. Kein Medium verschwindet. Wir haben es nur mit einer Bedeutungsänderung oder mit einer Nutzungsänderung zu tun. Das klassische Beispiel für mich ist das Fahrrad. Mit dem sind die Leute vor 100 Jahren in die Arbeit gefahren. Heute nicht mehr in der Regel, manchmal vielleicht mit dem Mountainbike im Sommer. Aber es gibt das Mountainbike als Sportgerät, aber nicht mehr das Radl. Da hab ich irgendwas anderes.
Anna Nicklaser
Was tun klassische Fernsehanbieter, um in diesem Marktumfeld bestehen zu bleiben, also um immer noch zu existieren?
Günther Lindinger
Sie versuchen in Österreich, der Schweiz und überall auf der Welt, hab ich den Eindruck, natürlich ihre eigenen Mediatheken aufzubauen. Sie versuchen, die Angebote zu befüllen. Ich habe immer Mühe, wenn ich bei ARD, erstes Deutsches Fernsehen, die Sendung stoppe, wieder genau die Stelle zu finden, bei der ich aufgehört habe. Da ist zum Beispiel Netflix oder Amazon Prime oder wie die Dinger alle heißen, viel benutzerfreundlicher. Netflix bietet mir sofort meine Lieblingssendungen an. Ich „schmunzle“ immer, weil eine meiner Töchter auch noch „dran hängt“. Die ist gerade in Amerika und dann sage ich immer meiner Frau in der Früh, was sie gerade angeschaut hat. Das ist der Nachteil, aber wenn es der Papa zahlt, ist es halt so. Deine Frage ist aber, was tun die Fernsehanbieter? Die Hauptwaffe, glaube ich, wären Live-Geschichten. Aber so viele Shows gibt es gar nicht und so gute. Und was natürlich immer noch so ist: Früher hat man gesagt, das Lagerfeuer der Nation sei der Fernseher, um den sich alle versammeln. Das funktioniert bei großen Sportereignissen, aber die gibt es nur alle vier Jahre wie beispielsweise Fußballweltmeisterschaften. Die schaut man sich an und dann sind wieder alle da. Aber ich glaube, dass die Zeiten vorbei sind.
Anna Nicklaser
Aber ganz neue Formate, denken Sie nicht, dass es diese geben wird?
Günther Lindinger
Na ja, interessant ist Anna, wenn man das so beobachtet, dass jeder immer irgendwie versucht, irgendwelche wilde, neue Formate zu finden. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass sie so einen durchschlagenden Erfolg haben. Wenn du dir die Bevölkerungspyramide anschaust, das ist ja eines unserer Hauptpunkte, gibt es ja so viele junge Leute wie dich gar nicht, die das alles gucken könnten.
Anna Nicklaser
Welche Herausforderungen sehen Sie in den kommenden Jahren für Video-on-Demand-Dienste?
Günther Lindinger
Na ja, das merkt man schon sehr. Ich glaube, das ist ein Qualitätspunkt letztendlich. Und natürlich, was bei diesen Fernsehgeschichten oder Videos immer eine Rolle spielt: Wer hat die Rechte an irgendwas. Das sehe ich ja schon bei meiner Tochter, die Zeichentrickfilme anschaut. Wer hat die Rechte, wer hat die neuen Folgen und so weiter. Das sind sicher die Herausforderungen und da wird man sich immer wieder was einfallen lassen müssen. Und natürlich braucht es im Endeffekt die großen Spielfilme, sodass beispielsweise Amazon Prime damit werben kann, dass sie den Film als erste zeigen können.
Anna Nicklaser
Wie stellen Sie sich das Fernsehen in den kommenden 5 bis 10 Jahren vor?
Günther Lindinger
Ich glaube, dass das sogenannte lineare Fernsehen weiter abnehmen wird. Es wird seine Macht bei Großereignissen entfalten, das kann leider auch ein Terroranschlag sein oder bei Sportereignissen. Aber ansonsten glaube ich, haben wir es hier mit einem Rückgang zu tun, was sich natürlich am Ende auf das ganze Fernsehsystem ausweiten wird, weil auch selbst öffentlich-rechtliche und öffentliche Sender Werbeeinnahmen haben. Wer zahlt das am Ende? Ich glaube, dass in dem Bereich des klassischen, linearen Fernsehens die großen Anbieter weniger Programme haben werden, weil die sparen müssen. Daneben wird es Spartenanbieter, wie zum Beispiel im religiösen Bereich Bibel T.V. geben, die weitere Formate anbieten.
Anna Nicklaser
Und noch zur letzten Frage: Welche Maßnahmen wird wahrscheinlich das klassische Fernsehen ergreifen, um speziell Jugendliche, also meine Altersgruppe, die überhaupt nicht mehr fernsieht, zu erreichen?
Günther Lindinger
Ehrlich gesagt, stelle ich da ein bisschen fest, dass die Macher ratlos sind. Ich habe das Gefühl, dass keiner den Stein des Weisen hat. Und im Moment habe ich auch nicht das Gefühl, dass irgendein Jugendlicher mit 17 oder 20 Jahren irgendetwas hat, wo er sagt: „Das schauen wir uns jetzt alle an.“ Das ist vielleicht mal so ein Strohfeuer alle zwei Jahre. Aber den richtigen Zünder gibt es nicht.